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So geht Nachhaltigkeit – Was wir alle von der CJD Erfurt Christophorusschule lernen können

02.02.2021 CJD Erfurt « zur Übersicht

Nachhaltigkeit betrifft jeden einzelnen von uns. Vielleicht sogar mehr denn je. Doch wie lernen Kinder, bewusst nachhaltig zu leben? Die nachfolgenden Generationen verbringen ziemlich viel Zeit in der Schule und genau da sollte Nachhaltigkeit auch vorgelebt und umgesetzt werden. Geht nicht? Von wegen!

Zwischen den Hochhausreihen im Erfurter Norden liegt ein etwas in die Jahre gekommenes Schulgebäude, umsäumt von einem abenteuerlichen Garten. In der CJD Erfurt Christophorusschule wachsen, lernen und lachen 104 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 21 Jahren.

Auf den ersten Blick ist die Christophorusschule eine ganz normale Schule. Kinder lachen laut auf dem mittlerweile matschigen Rasen, ein Rollstuhl saust durch eine Pfütze und auf der Schaukel wird um den Höhenflug gewetteifert. Aber die CJD Schule ist alles andere als normal, denn sie ist seit über 4 Jahren auch eine Umweltschule. 2016 wurde die Christophorusschule offiziell als „Umweltschule in Europa“ ausgezeichnet und nimmt seither am Programm „Thüringer Nachhaltigkeitsschulen“ des Umwelt- und Bildungsministeriums Thüringen und dem Naturschutzbund NABU teil.

Nachhaltigkeit und ressourcenschonender Umgang mit der Natur werden hier jeden Tag aufs Neue gelebt. Als Umweltschule werden Schulen prämiert, die ihren Schüler*innen auf besondere Weise Umweltbewusstsein vermitteln und sich um die Schonung und nachhaltige Entwicklung der Umwelt bemühen. Doch was bedeutet das in der Praxis und wo finden sich diese Werte im Klassenzimmer wieder? Genau diesen Fragen sind wir auf den Grund gegangen.

Rechnen lernen mit Toilettenpapierrollen

In Klasse 1 legt sich langsam der Morgentrubel. Die kleine Begrüßungsrunde in der Notbetreuung ist vorbei und die gemeinsame Lernzeit kann beginnen. Es stehen Matheübungen auf dem Plan und die Kinder schauen die Pädagogin erwartungsvoll an. Edward, ein aufgeweckter Junge mit pechschwarzem Haar und wachen Augen, möchte heute unbedingt das neu gebastelte Rechenspiel aus Toilettenpapierrollen und Eisstäbchen ausprobieren. Mit handwerklichem Geschick hat hier die Lehrerin aus Dingen, die sonst im Abfall landen, Unterrichtsmaterial hergestellt. Nach einer Weile wecken die Kokosnussschalen und Filzbälle auf dem Teppich Edwards Aufmerksamkeit. Mit seinen Fingern berührt er vorsichtig das Material und fühlt die ungewöhnliche Textur. Flink ordnet er Zahlen aus Kork in der richtigen Reihenfolge den Schälchen zu. Im Anschluss werden die Filzbälle den dazugehörigen Zahlenschälchen zugeordnet. Geschafft! Ein Lächeln macht sich auf Edwards Gesicht breit, doch er muss nun den Platz räumen, denn jetzt sind auch die anderen Kinder dran.

Steine, Besenstiele und Co als Unterrichtsmaterial

Durchstreift man die verschiedenen Klassenräume in der CJD Christophorusschule, so fallen einem sofort die vielen Naturmaterialien, recycelten und selbsthergestellten Unterrichtsmittel und Spiele auf. An den Wänden hängen Tastbilder aus Stoffen und Steinen, von der Decke baumeln Wintermobiles mit Tannenzapfen, die Stifthalter sind aus Obstgläsern oder geflochtenem Altpapier. Und aus Besenstielen und Pappe wurde kurzerhand robustes Homeschooling-Material zur basalen Stimulation gefertigt. Wenn die jüngeren Schüler*innen kneten möchten, dann tun sie das auf ausrangierten und liebevoll bemalten Pappkartons. Und wer Lust auf eine besondere sensorische Erfahrung hat, der kann die Leinsamen-Knete gern ausprobieren.

Wohin man auch schaut, überall begegnet man ehrlicher Nachhaltigkeit und Wertschätzung gegenüber unserer Umwelt. Simone Schein ist Lehrerin an der CJD Schule und verantwortlich für das Konzept der Umweltschule sowie dessen Umsetzung. „Schon vor vielen Jahren haben wir im Team begonnen, nachhaltig zu arbeiten und unsere Materialien selbst herzustellen. Am liebsten aus Dingen, die sonst gern mal im Müll landen. Wir leben unser Konzept einfach mit jeder Faser und ich denke das merkt man auch“, schwärmt die engagierte CJD-Mitarbeiterin.

Umweltprojekte zum Nachdenken und Nachahmen

Projekte zu Umweltthemen stehen regelmäßig auf dem Lehrplan und so entstanden mit älteren Schüler*innen, in den sogenannten Werkstufen, beeindruckende Plakate rund um das Thema „Papier“. Die Schule erweitert durch derartige Projekte auch immer wieder ihren Horizont, denn Stillstand beim Umweltschutz ist nicht gern gesehen. Genau aus diesem Grund ist es mittlerweile selbstverständlich, dass sich das CJD-Team genau überlegt, ob eine Kopie benötigt wird oder nicht. Wird kopiert oder gedruckt, dann sowieso nur auf recyceltem Papier. Im Übrigen spart Recyclingpapier gegenüber Frischfaserpapier bis zu 60 Prozent der Energie, bis zu 70 Prozent Wasser sowie CO2-Emissionen und Abfall. Es kann so einfach sein, wenn man etwas für die Umwelt tun möchte.

Vom Schulacker auf die Teller

Mittlerweile ist es Mittagszeit und aus der schuleigenen Küche zieht ein verführerischer Duft durch das Haus. Die Tische in den Klassen werden gedeckt und man sucht vergebens nach Plastikgläsern und -flaschen. Klar, geht auch mal etwas zu Bruch, aber deswegen auf Glasflaschen und Co. zu verzichten – undenkbar. Heute gibt es selbstgemachten Auflauf mit Kartoffeln vom eigenen Schulacker. Ja genau, richtig gelesen: Die CJD Christophorusschule bewirtschaftet seit mehreren Jahren einen 5.000 Quadratmeter großen Acker in Alperstedt. Hier wird hautnah und mit der Garantie für schmutzige Hände der Umgang mit der Natur gelernt. Die Schüler*innen pflanzen Gemüse, Obst und Kräuter an, lernen viel über den Kreislauf der Natur und die Jahreszeiten. Die geernteten Erdäpfel, Bohnen, Kürbisse und Obst landen dann, wie heute, auf dem Teller der fleißigen Umweltschützer*innen.

„Durch den Anbau von Kartoffeln und verschiedenen Gemüse- und Kräuterarten entdecken die Schüler*innen auf natürliche Art und Weise den Umgang mit gesunden Lebensmitteln“, erklärt Helgo Pforr, der normalerweise an drei Tagen pro Woche mit den Kindern und Jugendlichen zum Schulacker fährt. Schön, wenn Menschen im CJD ihre ganz persönliche Leidenschaft in ihr Berufsleben integrieren können, so wie Helgo Pforr es täglich tut.

Tierisch gut

Der 60-jährige Naturliebhaber hat sogar vor 3 Jahren ein Studium zum Umweltpädagogen begonnen und mittlerweile erfolgreich abgeschlossen. Kein Wunder, dass bei so viel Engagement für dieses Thema auch tierischer Nachwuchs in der Schule nicht fehlen darf. Seit vielen Jahren gehören Tiere zum Leben und Lernen in der CJD Umweltschule. Kaninchen und sogar Quessant-Schafe tummeln sich im Garten. Abwechselnd übernehmen einzelne Klassen die Verantwortung für die Pflege und Fütterung der Tiere.

Die jährliche Heuernte auf dem Schulacker bildet die Nahrungsgrundlage für die Schafe und Kaninchen. Den Kreislauf der Natur und das landwirtschaftliche Arbeiten kann jedes Kind hautnah erleben.

Regelmäßig kommt auch Schulhund Joshi zu Besuch, um die Schüler*innen beim Lernen zu unterstützen. Lilly schmust an diesem Nachmittag gedankenverloren mit einem Kaninchen, während Oskar das Futter für die Schafe in den Stall bringt. Idyllischer könnte man sich Schule nicht vorstellen.

Und wer jetzt denkt, das war alles, der sollte unbedingt im Frühling der CJD Christophorusschule einen Besuch abstatten. Der Schulhof ist ein wahres Paradies für alles, was krabbelt, kriecht und fliegt. Querbeet durch die Klassenstufen wurden Blühstreifen, Blumenwiesen, Insektenhotels und Schmetterlingswiesen angelegt. Inmitten der Erfurter Hochhäuser wird das von den heimischen Insekten dankbar angenommen.

Einfach Danke!

In wenigen Monaten beginnt wieder das große Brummen, Zwitschern und Zirpen im Garten hinter der Schule, die allen ein großes Vorbild sein sollte. Und wenn dann auch noch, wie fast jedes Jahr, ein Lämmchen geboren wird und die große Namenssuche unter den Schüler*innen losgeht, spürt man direkt: So schön und nachhaltig kann Schule sein!

Danke liebes Schulteam, dass ihr bei der nachfolgenden Generation ein Bewusstsein schafft, welche Auswirkungen unser eigenes Handeln auf die Entwicklung der gesamten Welt hat! Macht weiter so!