Das CJD - Die Chancengeber CJD Erfurt


Und das schaffst Du so ganz allein?

…diese seltsame Frage muss sich Jens Rohbock öfter mal gefallen lassen. Nicht nur, dass fremde Menschen den 44 Jahre alten Mann einfach duzen, nein, er muss auch noch seine Alltags-Kompetenzen immer wieder bestätigen. „Ja, ich wohne allein und bekomme meinen Haushalt prima geregelt.“ und „Nein, ich habe keinen rechtlichen Betreuer.“ gehören zu seinem Standardrepertoire von Antworten.

Doch warum muss sich ein Mensch wie Jens Rohbock immer wieder diese Frage gefallen lassen? Würde man einem gleichaltrigen Mann, der nicht mit Gehhilfe läuft, einen Job außerhalb einer Werkstatt hat und vielleicht wortgewandter ist, die gleiche seltsame Frage stellen?

Vermutlich nicht… aber wenn die Menschen wüssten, was Jens Rohbock in seinem Leben schon alles erreicht hat und wie er mit unglaublich viel Geschick, Durchsetzungsvermögen, Kreativität und Mut seinen Weg geht, dann würden sie ihm ganz andere Dinge zutrauen, als ein bisschen Wäsche, Kochen und Anträge für Ämter zu unterschreiben. Denn Jens Rohbock ist ein wahrer AlltagsHELD. 42 Jahre lang lebte er mit seiner Mutter gemeinsam unter einem Dach. Doch als diese plötzlich ins Krankenhaus musste, stand ihm ein neuer Lebensabschnitt bevor. Auf dem Weg zu seinen eigenen vier Wänden hatte Jens Rohbock die Wohnangebote vom CJD Erfurt zunächst nicht im Blick. Aber durch die Absage eines anderen Trägers und einen glücklichen Zufall landete er eines Tages im Büro vom Sozialdienst im CJD Erfurt. Zunächst entschied sich Jens Rohbock für eine Wohnstätte mit 24-Stunden-Service, um sich Schritt für Schritt auf die nächste Wohnetappe vorzubereiten.

Doch bereits nach wenigen Monaten stand für den willensstarken Mann ein neues Ziel im Mittelpunkt – der Einzug in die eigene Wohnung. Freunde und Bekannte schlugen die Hände über dem Kopf zusammen und rieten ihm zunächst in eine Außenwohngruppe zu ziehen, in der eine engmaschigere Begleitung geboten wird. Aber Jens Rohbock hatte dazu keine Lust und das Team vom Ambulant Betreuten Wohnen (ABW) bestärkte ihn in seinem Wunsch nach mehr Selbstständigkeit. Mittlerweile lebt Jens Rohbock seit 4 Monaten in seiner schön geschnittenen Einraumwohnung mitten in Erfurt. Grund genug für uns, ihm ein paar Fragen rund um das Thema Wohnen zu stellen.

Herr Rohbock, wie war der Übergang in die eigene Wohnung?

Der Umzugstag war unglaublich hektisch. Das werde ich den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen. Ich war vorher arbeiten und von 16.30 bis 22.30 bin ich dann umgezogen. Aber es ging nicht anders und ich war ja nicht allein. Das erste Einkaufen war dann schon komisch. Ich musste ja das kaufen, womit ich dann zurecht kommen musste.

Wie sind Sie die erste Zeit zurechtgekommen?

Ich bin ganz gut zurechtgekommen und hatte vier Mal die Woche Unterstützung vom ABW mit Gesprächen und Begleitung. Das hat schon geholfen und war mir wichtig.

Was war ein besonders schöner Moment in den letzten Wochen?

Naja, es gibt ja Momente, wo man mit anderen Leuten richtig schlimme Probleme hat und das hat man ja in der eigenen Wohnung nicht mehr. Da hat man seine Ruhe. Aber dafür kommen andere Probleme auf einen zu. Wie zum Beispiel das Eierkochen am Wochenende. Wenn das nicht klappt und alle Eier sind kaputt, das kann schon nerven. Diese Momente will ich am besten vergessen.

Es gibt da einen schönen Spruch von Michael Jordan:

In meiner Karriere habe ich über 9000 Würfe verfehlt. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26 Mal wurde mir der spielentscheidende Wurf anvertraut und ich habe ihn nicht getroffen. Ich habe immer und immer wieder versagt in meinem Leben. Deshalb bin ich erfolgreich.“

Wo erlauben Sie sich Fehler zu machen? Und was treibt Sie an?

Mhm, das ist nicht so einfach. Also, das Zeitprogramm beim Wäschetrockner macht mich manchmal verrückt. Ich stelle 60 Minuten ein und muss dann genau wissen, wann ich das ausräumen kann. Da muss ich mich noch besser zurechtfinden, also wenn ich mal weggehe und so.

Beim Bettenbeziehen hapert es momentan noch am Bettlaken. Ich bekomme die Ecken einfach nicht über die Matratze und sie schnippen immer wieder ab. Das regt mich manchmal tierisch auf, aber irgendwann bekomme ich es hin. Ich will das können und zwar ganz allein.

Viele Menschen denken ja, dass die Begleiter vom ABW die „persönlichen Assistenten“ für das Putzen, Kochen und den Behördenkram sind. Stimmt das oder sehen Sie sie eher als Alltagsbegleiter?

Also meine Begleiter können mich nur bei manchen Dingen unterstützen, denn vier Stunden in der Woche sind nicht viel. Aber ich würde immer Unterstützung bekommen, zum Beispiel wenn ich einen Behördenbrief nicht verstehe. Ich versuche aber alles selbst hinzubekommen. Also Persönliche Assistenten sind das eher nicht, da passt schon eher Alltagsbegleiter. Ich kann ja mit allem kommen, was im Alltag noch nicht so klappt. Und irgendwann kann ich es dann selber.

Was glauben Sie, wissen andere Menschen über Ihre Art des Wohnens?

Nicht viel. Einige wissen was, aber viele kennen das ABW gar nicht. Also mein Gruppenleiter im Christophorus Werk kann etwas damit anfangen, aber meine Kollegen nicht.

Wie werden Ihre Wohnung und die Leistungen vom ABW bezahlt?

Die Miete zahle ich selbst und die Stunden vom ABW zahlt das Landratsamt Weimarer Land, weil ich ja mal in Weimar gelebt habe. Aber so viel Papierkram war das nicht. Ich habe ja keinen rechtlichen Betreuer und hab viel selbst gemacht. Aber mein Cousin hat mich doch bei der ein oder anderen Sache unterstützt und auch Frau König vom Sozialdienst. Ich weiß aber, dass bei anderen auch Miete bezahlt wird vom Amt, ist halt bei jedem unterschiedlich.

Was verstehen Sie unter Selbstbestimmung?

Dass man den Tag selbst und allein gestalten kann. Am Wochenende kann man aufstehen, wann man möchte, essen was man will und nach Hause kommen, wann es einem passt. Man kann sich die Regeln für sich selbst aufstellen. Das ist schon schön.

Welche Wünsche haben Sie an das Team vom Ambulant Betreuten Wohnen – was soll noch entstehen, was soll sich ändern?

Ich würde mir wünschen, dass mir die Freizeitangebote pünktlicher mitgeteilt werden. Vor allem so Ausflüge, die dann meistens Montag oder Freitag gemacht werden. Da kann ich ja auch nicht einfach zu meinem Gruppenleiter sagen: „Du, Montag komme ich nicht.“ Naja, und dass man da mal gemeinsam mit mir in meinen Kalender guckt und überlegt, ob das klappen könnte.

Vergleichen Sie mal ihre Wohnsituation vor zwei Jahren und die jetzige miteinander. Was fällt Ihnen dazu in Bezug auf Selbstbestimmung ein?

Also vor zwei Jahren konnte ich noch meinem Hobby, dem Lesen, jederzeit nachgehen. Jetzt habe ich natürlich auch Aufgaben im Haushalt. Termine für Feierlichkeiten und Veranstaltungen hat meine Mutter in unseren Tagesablauf eingeplant. Ich musste ihr das einfach sagen, damit sie Bescheid wusste. Jetzt ist das anders, jetzt gehe ich da hin und gut ist. So wie ich jetzt wohne, ist das schon anders, ich kann machen was ich will.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Was das Wohnen betrifft, bin ich eigentlich schon da, wo ich gern sein wollte. Nur müssen die Fortschritte weiter gemacht werden. Wir hatten ja vorhin das Beispiel mit den Eiern und dem Bettlaken.

Beschreiben Sie mal das ABW in einem Satz.

Ich wohne selbstbestimmt. Ich kann mir den Tag gestalten, wie ich möchte und bekomme 16 Stunden im Monat Unterstützung. Ich kann den Unterstützern eigentlich alles sagen, was ich möchte, ich bin ja schließlich der Kunde und der ist ja König.

Haben Sie noch einen wegweisenden Rat, für andere Menschen, die auch den Wunsch nach einer eigenen Wohnung haben?

So ein Schritt soll gut überlegt sein und braucht auch Vorbereitung. Wichtig ist auch, dass man die Unterstützung, die einem angeboten wird, annimmt. Es lohnt sich auf jeden Fall, das kann ich nur allen im Rückblick sagen.

Oft wird Menschen mit einer zugeschriebenen Andersartigkeit unterstellt, sie seien per se machtlos und abhängig und könnten ihr Leben nicht allein meistern. Und meistens sind es genau diese Vorurteile, Missverständnisse oder einfach Ängste und Hemmungen, die sowohl Menschen wie Jens Rohbock, als auch ihre Angehörigen gar nicht erst auf den Gedanken an ein Leben in den eigenen vier Wänden bringen. Für uns ist Jens Rohbock ein LebensKÜNSTLER, denn er zeigt, dass es nie zu spät ist, um neue Wege zu gehen und Visionen zu leben. Seine Lebensspur zeigt, dass die bürokratischen Hürden auf dem Weg zur Selbstbestimmung gar nicht so hoch wie befürchtet sind und mancher Vorbehalt sich nach fachkundiger Information in Luft auflöst.

Vermutlich wird Jens Rohbock kein Hemd in drei Minuten bügeln können und ob er jemals Coq au vin hinbekommen wird, steht auch in den Sternen, aber Hand aufs Herz, wer ist schon perfekt?!