Das CJD - Die Chancengeber CJD Erfurt

Von Kundenwünschen, dem Dienstleistungsgedanken und Sexualbegleitung

10.12.2018 CJD Erfurt « zur Übersicht

Eine 100 Tage-Bilanz mit dem neuen Fachbereichsleiter „Wohnen und Begleiten“


Nicht nur die Bundeskanzlerin oder der Papst werden an ihren ersten 100 Tagen im Amt gemessen. Auch Michael Schröter, der das Bewerbungsverfahren für sein neues Amt im CJD in Thüringen erfolgreich durchlaufen hat, stand unter intensiver „Beobachtung“ seiner neuen Kollegen. Gerade in dieser Zeit kommt es darauf an, sich in der neuen Rolle als Fachbereichsleiter „Wohnen und Begleiten“ zu entdecken und zu finden. Er hat gemeinsam mit dem Team „Wohnen und Begleiten“, richtungsweisende Entscheidungen getroffen, Visionen formuliert und neue Wege eingeschlagen. Wir haben Michael Schröter auf den Zahn gefühlt und Fragen über Fragen gestellt - zu den vergangenen 100 Tagen, dem Hier und Jetzt, mit dem Blick in die Zukunft.


Herr Schröter, wie geht es Ihnen nach 100 Tagen als Fachbereichsleiter „Wohnen und Begleiten“ im CJD Thüringen?

Die Motivation ist nach wie vor hoch, die Herausforderungen im Arbeitsbereich sind jedoch wegen der internen und externen Veränderungen sehr groß. Ich habe jedoch ein gutes Team um mich, welches mir ein tolles Fundament und Unterstützung bietet.

Was hat sich seit September für Sie grundlegend geändert?

Ich habe jetzt natürlich fachlich mehr Einblicke und ich kenne die Strukturen im CJD etwas besser.

Wie sieht im Moment ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag von Ihnen aus?

Feste Termine, geplante Arbeitsvorhaben, die ich meist dann doch nicht abarbeiten kann, da ad hoc etwas dazwischen kommt. Mein Arbeitstag läuft momentan unter dem John Lennon Motto „Leben (Arbeit) ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“

Was verstehen Sie unter innovativen Wohnformen im Hinblick auf unsere Haltung im CJD Thüringen?

Aus meiner Sicht bedeutet Haltung vor allem wahrnehmen, was ist und versuchen am Sein zu arbeiten. Jeder Mensch kann im CJD Thüringen seine Wünsche, Ziele und Visionen umsetzen. Ich sehe mein Team und mich als Wegbegleiter der Menschen, die bei uns lernen, leben und arbeiten. Wir leben Augenhöhe, die die Verschiedenheit der Körperlichkeiten sowie die unterschiedlichsten seelischen und sozialen Entwicklungen begrüßt. Verschiedenheit wird somit nicht als Problem, sondern als Einzigartigkeit und Ressource verstanden.

In der Planung und Organisation von Wohnprojekten spielen Aspekte des Mitgestaltens, der gegenseitigen Unterstützung und des gemeinschaftlichen Austauschs für mich eine ganz zentrale Rolle. „Innovative Wohnformen“ heißt für mich einfach gemeinsam Lebenswelten zum Wohlfühlen zu schaffen, unsere Mieter ernst zu nehmen, mit dem, wie sie sich ihr Leben vorstellen, und gemeinsam daran zu wachsen. Und egal ob eigene Wohnung, Wohngruppe oder Mehrgenerationen-Haus - es gibt viele unterschiedliche Wohnformen, die mein Team, unsere Kunden und ich uns für die Zukunft vorstellen können.

Welche Ideen fallen Ihnen ein, wenn Sie über Wohnformen für ältere Menschen im CJD Thüringen nachdenken?

Ich würde keinen extra Wohnraum für ältere Menschen denken wollen, denn Separation tut keinem gut. Es wäre schön, Wohnkonzepte verwirklichen zu können, die es ermöglichen, in einer Wohnung alt zu werden. Gleichzeitig sollte der Wohnbereich auch jungen Menschen Lust zu machen, dort einzuziehen. Diese Austausch-und Unterstützungskultur ist meiner Sicht eine win-win Situation für beide Generationen.

Was würden Sie in Ihrem Fachbereich „Wohnen und Begleiten“ am liebsten ändern, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Da gibt es 2 große Dinge. Zum einen Modernisieren, Umbauen und Bauen! Sowohl für die Kunden als auch für unsere Mitarbeiter ist ein angenehmes Wohn– bzw. Arbeitsumfeld die Grundlage des Wohlfühlens. Die Mitarbeiter in den Wohnbereichen tun viel, die Räume so gemütlich wie möglich zu gestalten, aber wenn die Infrastruktur nicht stimmt, wird man mit der schönsten Gestaltung keinen Ort der Entfaltung und des Wohlfühlens schaffen können. Wir arbeiten daran, dass diese Umstände bald Schnee von gestern sein werden.

Eine Erhöhung des Betreuungsschlüssels wäre auch toll, und welche Vorzüge damit verbunden sind, liegt auf der Hand.

Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) entpuppt sich gleichzeitig als Segen und Fluch für die Zielgruppe, die davon profitieren soll. Wie wollen Sie sicherstellen, dass trotz unterschiedlicher Rechtskreise zur Refinanzierung von Leistungen für die Zielgruppe, diese trotzdem von ihren vertrauten Begleitern die Unterstützung erhalten, die sie für ein eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Leben benötigen?

Als Träger der Eingliederungshilfe wird es zukünftig nötig sein, dass wir ein gutes Leistungsbündel anbieten können. Der Kunde soll bei uns aus einem breitem, qualitativ hochwertigem auf den Kunden abgestimmten Leistungsspektrum wählen können. Natürlich zählt dann, wie in der freien Wirtschaft auch, die Kundenbindung ganz besonders. Nur wenn wir als CJD die Bedürfnisse des Kunden erfüllen, wird der Kunde die Leistung auch kaufen. Wir arbeiten in unserem Modellprojekt bereits personenzentriert und haben einen wichtigen Baustein des BTHG in die Strukturen der einzelnen Standorte im CJD in Thüringen integrieren können. Die Gründung von unserem ambulanten Pflegedienst cjd pflege+ ist ebenfalls ein großer und wichtiger Meilenstein für die Umsetzung des BTHG in unserem Träger.

Was bedeutet die Umsetzung des BTHG für die Organisationentwicklung in Ihrem Fachbereich?

Wir stehen vor der Herausforderung, dass der Gesetzgeber noch gar nicht genau weiß, wie er das Gesetz ausgestalten will - Stichwort Landesrahmenvertrag und welche Angebotsmöglichkeiten hieraus nun endgültig erwachsen. Es ist die Rede von Wohnformen, welche unseren Wohnstätten ähnlich sind und von vollambulanten, personenzentrierten Konzepten. Letztere stellen natürlich für uns die größere Herausforderung dar, denn die Mitarbeiter dürfen auch zum „Verkäufer“ werden, die ihre Dienstleistungen optimal und zielgruppengerecht platzieren. Es wird zukünftig darauf ankommen, dass wir als Team in den neuen Angeboten annehmen, dass zur guten Strukturierung unseres Arbeitsalltages auch Anstrengungen unsererseits erforderlich werden, Leistungen und Leistungszeiten günstig zu paaren. Da sind wir mit dem Haltungsweg im CJD Thüringen komplett auf einem richtigen Weg.

Welche Herausforderungen werden 2019/2020 in der Planung künftiger Wohnformen auf Sie zukommen?

Wir müssen mit den baulichen Maßnahmen vorankommen. Unter den jetzigen gesetzlichen Bedingungen unsere bauliche Substanz nicht wettbewerbsfähig zu machen, würde dazu führen, den Anschluss zu verlieren. Bauliche Veränderungen und die Steuerung dieser wird für mein Team und mich eine große Herausforderung werden, aber wir müssen uns dieser stellen, ohne Wenn und Aber. Denn eins dürfen wir nicht vergessen: der Kunde soll entscheiden, was er will und in diesem Zusammenhang muss sich jeder von uns die Fragen stellen „Was würde ich wollen? Was würde ich mir einkaufen?“

Liebe, Partnerschaft und Sexualität sind für alle Menschen wichtige Themen in der Gestaltung ihres Lebens. Wie stellen Sie sicher, dass Menschen mit Behinderungserfahrungen ihre Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte befriedigen können?

Diese Frage ist keine einfache Frage, weil man sie in mehreren Dimensionen denken muss. Zu allererst ist es wichtig, das Thema nicht zu tabuisieren und es zuzulassen. Wichtig ist auch, dass unsere Kunden die Möglichkeit und den Raum haben, ihre Bedürfnisse auszuleben.

Und hier kommt für mich die größte Herausforderung, Sexualität bedeutet sich auszuleben, bedeutet aber gleichzeitig auch Schutz zu geben vor ungewollter Annäherung. Hier besteht ein großer Spagat. Für diese Herausforderung werden wir in unserem Fachbereich Experten ausbilden. Wir haben eine Fortbildungsreihe zum Thema entwickelt, in der wir für alle Einrichtungen Multiplikatoren schulen werden. Im Übrigen gibt es eine junge Fachfrau mit sehr spannenden Ansätzen auf dem Gebiet der Sexualbegleitung. Wenn man Edith Arnolds Ausführungen zur Sexualität mit Menschen mit Behinderungserfahrungen zuhört, so bekommt das Thema Sexualität eine nahbare Dimension. Leider sind derartige Dienstleistungen bisher nur in Schweden und den Niederlanden durch öffentliche Kassen finanziert. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Menschen, die auf Unterstützung und Begleitung angewiesen sind, müssen häufig damit leben, dass intimste Dinge ihres Lebens von Fachkräften, Angehörigen und rechtlichen Betreuern besprochen, beurteilt und möglicherweise entschieden werden. Wo sind aus Ihrer Sicht Grenzen zu ziehen? Was müssen rechtliche Betreuer oder die Angehörigen wissen und was nicht?

Auch das ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Durch das jetzige System ist man immer damit konfrontiert, dass man einen Auftrag hat, der von der „öffentlichen Hand“ ausgeht und nicht vom Kunden. Mit dieser Tatsache steht eine Maschinerie an Kontroll- und Entscheidungsinstanzen im Hintergrund und es steht immer die Frage der Haftung im Raum. Der Mitarbeiter vor Ort ist dem Dilemma ausgesetzt, einen Begleitungsauftrag zu haben und gleichzeitig die Persönlichkeitsrechte des Kunden schützen zu müssen.

Ich kann nur sagen, in jedem Einzelfall sollte man den gesunden Menschenverstand nicht ausschalten und sich fragen, wie man sich selber fühlen würde.

Laut BTHG kann zukünftig jeder Kunde Leistungen bei unterschiedlichen Leistungserbringern einkaufen. Hand aufs Herz. Sie sind auch für den wirtschaftlichen Erfolg Ihres Fachbereichs verantwortlich. Wie bringen Sie diese Kundenwünsche mit Ihrer wirtschaftlichen Verantwortung für Ihren Fachbereich in Einklang?

Ich habe damit gar kein Problem, ich finde eine solche Entwicklung sogar gut, es bedeutet, dass wir unsere Leistungen an die Kundenwünsche anpassen müssen und wenn wir dies professionell umsetzen, werden wir in Zukunft auch wirtschaftlich erfolgreich sein.

Es muss allerdings jedem Mitarbeiter bewusst sein, dass es kein Zuteilungssystem mehr gibt. Der Kunde kann sich jedes Mal neu entscheiden, ob er unsere Leistungen will oder lieber wechseln möchte. Das bedeutet, dass jeder Mitarbeiter zum Verkäufer seiner Leistungen wird, um auch weiterhin Aufträge des Kunden zu bekommen.

Meine Aufgabe wird es sein, im Fachbereich alle nachgefragten Leistungen anzubieten und zu bündeln, so dass wir unseren Kunden in Zukunft allumfassend Leistungen aus einer Hand anbieten können.

Was motiviert Sie?

Ich bin neugierig, ich frage mich immer was wohl kommen wird, was ich dafür tun kann und muss.

Ich mag Mitarbeiter, die eine eigene Idee von Arbeit, von Angeboten und Projekten haben und diese im CJD Thüringen umsetzen möchten. Mich an diesen Ideen und Vorstellung zu reiben, und in Austausch zu gehen und mich dadurch auch weiterzuentwickeln, motiviert mich.

Es gibt (gemeinsam) so viel Neues zu erfahren und zu erleben, es motiviert mich, hinter den „schwarzen Vorhang – Zukunft“ zu sehen.

Privat gefragt - Wie sieht Ihr Traum vom Wohnen aus?


Ehrlich gesagt, brauch ich nicht viel. So eine gemütlich eingerichtete Holzhütte irgendwo in einem Fjord bei Stavanger oder eine kleines Haus am Bodensee, dass wäre ideal. Ich mag es, wenn Wasser und Berge zusammentreffen.