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Tschüss, Kopfchaos! – Sensorische Integration als Perspektivwechsel

11.08.2020 CJD Erfurt « zur Übersicht

Jedem Kind ist zu wünschen, mit sich und seiner kleinen Welt im Reinen zu sein. Doch manchen Kindern ist es nicht möglich, unbeschwert mit ihrer Umwelt zu kommunizieren oder eigene Lösungen für die alltäglichen Herausforderungen zu entdecken. Genau an dieser Stelle kann Sensorische Integration (SI) Wunder bewirken.

Kinderlachen dringt durch die engen Hochhausreihen im Norden von Erfurt. Mitten im sozialen Brennpunkt der Stadt liegt eine grüne Oase mit einem modernen Neubau und jeder Menge Platz zum Toben und Matschen. Im CJD Kindergarten „Die kleinen Europäer“ wachsen, lernen und lachen 135 Kinder zwischen 0 und 7 Jahren miteinander. In Gruppe 1 legt sich langsam der Morgentrubel. Die Frühstücksrunde ist vorbei. Ein blondgelocktes Mädchen mit blauen Augen räumt ihren Frühstücksplatz auf und geht Händewaschen. „Diese Situation wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen“, sagt Heilpädagogin Janine Schäfer. Früher war die Bitte, den Teller abzuräumen und sich die Hände zu waschen für die Kleine eine Überforderung, die in einem Weinkrampf endete.

Djamila ist mittlerweile 5 Jahre und festes Mitglied in der Gruppe zur Förderung Sensorische Integration. Aber Djamila ist noch so viel mehr. Sie ist eine leidenschaftliche Malerin, eifrige Bastlerin und Brettspiel-Liebhaberin. In den vergangenen Jahren hat sie unzählig vielen Herausforderungen ihre kleine Stirn geboten. Mittlerweile hat sie eine gehörige Portion Selbstbewusstsein gesammelt, beteiligt sich an Tischgesprächen und kann eigene Lösungsstrategien entwickeln. Immer an ihrer Seite – Janine Schäfer. Sie kennt jeden ihrer Entwicklungsschritte auswendig, denn sie lebt und liebt ihren Beruf im CJD, der so viel Verantwortung mit sich bringt. Sie hat sie ständig um sich – Kinder, die sich nur schwer konzentrieren und kaum ausdrücken können, die mehrmals täglich Affektausbrüche bekommen, ihren eigenen Körper kaum wahrnehmen und nicht wissen, wie wertvoll sie eigentlich sind. Sie ziehen sich zurück, reden kaum, weinen viel oder preschen vor und ecken überall an. Aber eins haben sie alle gemeinsam: es fehlt ihnen die Verbindung zu sich selbst. Und das kann langfristig zu erheblichen Problemen führen.

Janine Schäfer fehlte nach ihrer Ausbildung zur Heilpädagogin ein wenig die therapeutische Herausforderung, um sich gemeinsam mit den Kindern solchen Herausforderungen zu stellen. Und so suchte sie sich ein weiteres Wirkungsfeld – die Sensorische Integration. Nach ihrer Ausbildung im Bereich SI-Motodiagnostik und SI-Mototherapie fühlte sie sich bestens vorbereitet, um im Kindergarten eine SI-Gruppe ins Leben zu rufen. Nach und nach und mit viel Kreativität und gesammelten Spenden entstanden ganz neue Möglichkeiten. Räume wurden umgestaltet und mit wichtigen, adäquaten Materialien ausgestattet. Neue Rollbretter, eine große Mattenlandschaft und eine Therapieschaukel auf der Spiele im Sitzen oder Liegen möglich sind, finden sich nun in dem neuen reizarmen SI-Raum.

Auch Djamila liebt es, sich auf das Rollbrett zu schwingen. „Diese Übung, die so kinderleicht aussieht, hat es jedoch in sich“, erklärt Janine Schäfer. Die Bewegungen auf dem Rollbrett fördern zum Beispiel die Rumpf- sowie Kopfstabilität und die Augenmuskelkontrolle. Außerdem dienen sie der Verbesserung der Kraftdosierung und stimulieren die Raum-Lage Wahrnehmung. Oft ist es Eltern ein kleines Rätsel, was Janine Schäfer da genau macht.

Um Eltern die Wichtigkeit ihrer Arbeit zu verdeutlichen, zitiert Janine Schäfer gern ein Bild von Jean Ayres, der Entwicklerin der Sensorischen Integrationstherapie: „Die Sensorische Integration ist wie ein Verkehrspolizist zu verstehen. Fließt der Verkehr, also die Sinnesempfindungen, dann kann das Gehirn die Informationen nutzen, um Wahrnehmung und Verhalten zu erzeugen. Diese werden dann als Erfahrungen gespeichert. Anders gesagt: Wir lernen. Ist der Fluss von Sinnesempfindungen unorganisiert, kommt es im Leben zu einem ‚Verkehrschaos‘. Wir sind dann nicht in der Lage, adäquat wahrzunehmen und entsprechendes Verhalten zu erzeugen. Somit wird unser Lernen negativ beeinflusst. Die Gründe für so ein ‚Chaos‘ im Kopf sind sehr vielschichtig und können jedes Kind betreffen.“

Djamila klettert geschickt auf die Schaukel und schenkt ihrer wichtigsten Wegbegleiterin im Kindergarten ein verschmitztes Lächeln. Die Stunde zur Förderung der Sensorischen Integration ist gleich vorbei und Djamila freut sich auf das Toben mit ihren Freundinnen im Garten. Schöner könnte eine Erfolgsgeschichte nicht enden.