Nachgefragt – Fachbereichsleiterin Kristin Schetat im Interview

03.05.2021 CJD Erfurt « zur Übersicht

Kristin Schetat hat als Fachbereichsleitung Wohnen und Begleiten jede Menge abwechslungsreiche und manchmal auch turbulente Arbeitstage. Die sympathische Führungskraft hat neben jeder Menge Erfahrung auch ein ziemlich gutes Händchen für ihr Team, was sich mittlerweile bis nach Sachsen ausstreckt. 

Mittelpunkt des Handelns aller Kolleg*innen ist immer die Befähigung zu einem selbstbewussten und eigenverantwortlichen Leben unserer Kund*innen im CJD Sachsen/Thüringen. Wer erfahren will, was Kristin Schetat gern in ihrem Fachbereich ändern würde, wenn Geld keine Rolle spielt, sollte das Interview nicht verpassen…

Frau Schetat, Sie sind seit zwei Jahren Fachbereichsleiterin Wohnen und Begleiten im Raum Thüringen. Mit der Verbundzusammenlegung des CJD Sachsen/Thüringen kamen für Sie im Januar 2021 auch Wohnangebote in Sachsen dazu. Wie hat sich Ihr Aufgabenspektrum verändert?

Tatsächlich hat sich mein bisheriges Aufgabenfeld mit der Verbundzusammenlegung inhaltlich kaum verändert. Vielmehr wurde es ergänzt, erweitert und bereichert.

Sicherlich sind die Wege etwas weiter als in der Vergangenheit und gesetzliche Rahmenbedingungen unterscheiden sich. Jedoch sehe ich hier auch die große Chance, den Fachbereich Wohnen und Begleiten noch vielfältiger, noch bunter und nicht zuletzt diesen Bereich gemeinsam mit den Kund*innen nach ihren Wünschen sowie Vorstellungen zu gestalten.

Was verstehen Sie unter innovativen Wohnformen im CJD Sachsen/Thüringen?

Innovation bedeutet im Kern, dass etwas Neues eingeführt wird. Mit dem Bundesteilhabegesetz ist die Innovation per Gesetz sozusagen verordnet worden, welches in der Theorie von einem modernen Teilhaberecht spricht und in der gegenwärtigen Praxis an den alten Strukturen hängen bleibt.

Unter innovativen und zukunftsorientierten Wohnformen verstehe ich ein barrierefreies, bezahlbares und im Sozialraum eingebundenes individuelles Wohnangebot. Die Menschen, die wir begleiten, sollen sich in ihren vier Wänden wohlfühlen und diese nach ihren Vorstellungen gestalten können. Die Mitarbeitenden des Fachbereiches fungieren als qualifizierte Assistent*innen und unterstützen so unsere Kund*innen selbst wirksam zu werden sowie sich als Teil der Gemeinschaft zu erleben.

Hierbei beziehe ich die gesamte Palette des Fachbereiches ein, die Kinder und Jugendlichen, die jungen Erwachsenen, die Nutzer*innen von tagesstrukturierenden Angeboten, die Schüler*innen und Auszubildende sowie die Senior*innen.

Worin sehen sie ihre drei Hauptaufgaben als Fachbereichsleitung?

  • Rahmen setzen
  • Freiräume schaffen
  • Zuhören

Was bedeutet für Sie Qualität und wie wollen Sie dafür Sorge tragen?

Qualität ist ja ein sehr umfassender Begriff. Gerade im sozialen Bereich geht es darum Arbeitsabläufe, Prozesse und Ergebnisse unserer täglichen Arbeit regelmäßig zu überprüfen.

Hierbei ist ein wesentliches Element ist meinen Augen Transparenz zu schaffen, um ein Verstehen dieser Prozesse bei allen Beteiligten zu erzeugen und die Qualität gemeinsam stetig zu verbessern. In meinem Verständnis bedeutet gemeinsame Qualitätsentwicklung, dass sowohl Mitarbeitende der einzelnen Angebote, die verschiedenen Leitungsebenen als auch die Menschen, welche wir tagtäglich begleiten, deren Angehörige sowie die Leistungsträgerseite daran beteiligt werden.

Im Mittelpunkt der qualitativen Bestrebungen stehen für mich immer die Kund*innen, denn deren Zufriedenheit sowie deren Steigerung der persönlich empfundenen Lebensqualität und die Erreichung der eigenen formulierten Ziele beschreiben für mich im Wesen den Grad der Qualität des jeweiligen Angebotes.

Was würden Sie in Ihrem Fachbereich Wohnen und Begleiten am liebsten ändern, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, dann würde ich zuerst bestehende Immobilien sanieren lassen, damit wir nach vielen Jahren unseren Kund*innen einen barrierefreien und modernen Wohnraum zur Verfügung stellen können. Ebenso würde ich in weitere Immobilien investieren, welche ein kleineres Wohnsetting ermöglichen, z.B. Einzel-, Paar- oder WG-Wohnen. Diese Wohnangebote sollten zentrumsnah sein und gut an die Infrastruktur angebunden sein. Darüber hinaus würde ich in den Ausbau der offenen Angebote investieren und im Rahmen eines Innovationsmanagements in kleine Projekte, welche aus den Reihen der Mitarbeitenden stammen, da diese Ideen häufig am Puls der Zeit liegen.

Ein letzter Gedanke dazu wäre ein individueller Einsatz von Assistenzleistungen fernab von festgeschriebenen Personalschlüsseln.

Welche Herausforderungen werden 2021/2022 auf Sie zukommen in der Planung künftiger Wohnformen?

Für das Jahr 2021 sehe ich vor allem die Verbundzusammenlegung als eine Herausforderung in meiner Arbeit an. Es wird eine Aufgabe und vor allem Chance sein, die bestehenden Angebote gut miteinander zu vernetzten, damit ein Expertisenaustausch stattfinden kann und die verschiedenen Angebote so voneinander profitieren können.

Allgegenwärtig ist und bleibt in beiden Jahren der Übergang in das moderne Teilhaberecht. Die Übergangsphase nach Landesrahmenvertrag endet in Thüringen am 31.12.2022. Wir sind intensiv dabei, neuen Formen des Wohnens zu erarbeiten. Der Schwerpunkt liegt hierbei zum einen bei der Leistungssystematik und zum anderen bei der personenzentrierten Arbeit. Dieser notwendige Perspektivwechsel innerhalb der Eingliederungshilfe und in der Folge auf die tägliche Arbeit im Fachbereich Wohnen und Begleiten wird Energie, Kreativität und Mut brauchen. Jedoch blicke ich mit viel Freude auf die kommenden Jahre und bin überzeugt, dass wir gemeinsam im Sinne des Bundesteilhabegesetzes für sowie mit den Menschen mit Behinderungserfahrungen mehr Teilhabe am Leben erreichen werden.