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Frag doch mal… den Chef!

06.04.2018 CJD Erfurt « zur Übersicht

Im Gespräch mit Carsten Schüler über Vertrauen, Eigenverantwortung und offene Türen


An einen Chef werden heute viele, manchmal nicht mehr ganz zeitgemäße Erwartungen, gestellt. Und wenn ein Führungswechsel ansteht, ist es mal wieder Zeit für die Kollegen, sich mit ihren Wünschen auseinanderzusetzen. Die meisten Mitarbeiter wünschen sich einen Chef, der hinter ihnen steht, jederzeit ein offenes Ohr hat und auf den man sich immer verlassen kann. Doch ist diese Bild vom Chef, der hinter seinem Team steht, überhaupt noch passend für die heutige Führungskultur? Carsten Schüler ist seit kurzem neuer Gesamtleiter im CJD in Thüringen und hat uns Rede und Antwort, unter anderem zum Thema Führungsverständnis, gestanden.


Herr Schüler, Sie sind seit wenigen Tagen der „Neue“ im CJD in Thüringen. Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, was Ihre Kollegen von Ihnen als Chef erwarten?

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich viele Gedanken darüber machen, was andere von ihm denken. Erwartungen von Mitarbeitern ernst zu nehmen und mich damit auseinanderzusetzen, halte ich hingegen für elementar. In den ersten Tagen habe ich daher viel zugehört und mir ein erstes Bild gemacht. Gleichzeitig ging es darum Themen, Erwartungen und Aufgabenfelder zu priorisieren. Mir ist wichtig, dass Mitarbeiter motiviert und selbstbewusst zur Arbeit gehen und ihre Stärken leben können. Die passenden Rahmenbedingungen im CJD in Thüringen dafür zu schaffen, darin sehe ich eine wichtige Aufgabe für mich als Führungskraft.

Es gibt unzählige Cheftypen: den Choleriker, den Konfliktscheuen, das Fähnchen im Wind oder den Nicht-Entscheider. Und all diese Typen stehen nicht gerade ganz oben auf der Hitliste der Traumchefs. Am liebsten sollen Chefs berechenbar und konsequent sein. Sie sollen zu ihrem Wort stehen, Entscheidungen treffen und Taten folgen lassen, Mitarbeiter nie im Stich lassen, hinter ihnen stehen und sie sollen die Allzweckwaffe für jedes Problem sein – ganz nach dem Motto „der Chef wird es schon richten“. Können Sie als Chef diesen Traumvorstellungen überhaupt gerecht werden?

Ein Chef hat in meinen Augen vor allem zwei Dinge im Blick zu halten: Erstens, einen Verantwortungskorridor mit dem Leitungsteam und den Mitarbeitern zu definieren, indem man sich gemeinsam bewegen möchte. Diese Struktur, diese Handlungsspielräume und definierten Verantwortungen müssen jedem klar sein. Zweitens, die Eigenverantwortlichkeit innerhalb des Korridors zu stärken und immer wieder motivierend einzufordern. Im Übrigen finde ich nicht, dass der Chef die Allzweckwaffe für jedes Problem ist, denn ich bin mir sicher, dass die Mehrzahl der Kollegen ihre Probleme viel besser lösen kann. Es wäre doch anmaßend zu glauben, ich als Gesamtleiter wüsste alles besser.

Ich sehe mich eher als jemanden, der verantwortlich in Vertrauen investiert. Ich möchte Menschen immer wieder ermutigen, Ihre Arbeit, die Menschen denen wir uns verschrieben haben, die Fachlichkeit, die wir leben wollen, ja das CJD insgesamt, zu ihrem Ding zu machen.

Herr Schüler, viele Chefs schreiben sich eine „Offene-Tür-Politik“ ganz oben auf ihre Prioritätenliste. Konzentriertes Arbeiten oder intensives Beschäftigen mit konzeptionell-strategischen Fragen für den Chef - keine Chance, oder?! Was halten Sie von dieser Art der Kommunikationskultur?

Die Türen, die ich kenne, kann man  auf- und zumachen. Ich lasse meine Tür gerne auf, weil ich es mag, wenn Menschen mich ansprechen können und ich auch ansprechbar bin. Das löst viele Probleme direkt und ersetzt manch kompliziert einberufene Besprechung. Und wenn ich Ruhe brauche, dann weiß ich sehr gut, wie ich die Tür schließen kann.

Beschreiben Sie uns doch bitte mal mit ein paar Schlagwörtern Ihr aktuelles Bild vom Führen und Geführt werden.

Menschen ermutigen• Eigenverantwortlichkeit fördern • Transparenz schaffen• Fachlichkeit leben

Es gibt unzählige spannende Vergleiche für die Beziehungen zwischen Chef und Mitarbeitern. Götz Werner (der Gründer der Drogeriekette dm) sieht einen Chef wie einen Gärtner, der für sein Saatgut optimale Bedingungen schafft. Auf den Punkt gebracht: Ein erfolgreiches Unternehmen ist eine Plattform, auf der sich Menschen gut entwickeln können. Sehen Sie das CJD in Thüringen auch als Treibhaus zur persönlichen Entwicklung?

Ich finde persönliche Entwicklung am Arbeitsplatz wichtig und bedeutsam, klare und transparente Strukturen und Rahmenbedingungen ebenso. Als neuer Gesamtleiter möchte ich Räume schaffen und für optimale Bedingungen sorgen, in denen die Mitarbeiter nicht in ein vorgegebenes Kästchen gepresst werden, sondern ruhig auch über ihr Kästchen hinauswachsen dürfen. Ausfüllen können sollten Sie es allerdings.

Wie aktivieren Sie das Potenzial Ihrer Mitarbeiter?

Ich glaube daran, dass Menschen grundsätzlich Interesse daran haben, ihr Potenzial zu entwickeln. Und aus meiner Sicht muss ich als Chef eigentlich überhaupt nicht den großen Motivator spielen. Ich muss ihnen entsprechende Rahmenbedingungen bieten, Vertrauen schenken und vor allem Motivation nicht behindern. Eine solide Fortbildungsplanung ist für mich dabei selbstverständlich.

Wie sorgen Sie dafür, dass es immer genügend innovative Ideen gibt, um Teilhabe für alle Menschen Realität werden zu lassen?

Ich habe den Eindruck, dass es hier ein Team gibt von Menschen, die ständig gute Ideen haben. Ich höre diesen Menschen gern zu und schaue wie wir diese Ideen umsetzen können. Ich sehe mich da auch überhaupt nicht als der große Fachexperte, denn dafür haben wir ein tolles, fachlich versiertes Team aus Fachbereichsleitern und Mitarbeitern, die über den Verbund hinaus hoch geschätzt sind. Auch unsere Art der Kommunikation nach außen ist sehr stark. Auf diese Weise bauen wir Barrieren ab und setzen ein Zeichen für mehr Teilhabe. Und wenn ich an der einen oder anderen Veranstaltung auf politischer Ebene für mehr Teilhabe sorgen kann, dann werde ich das tun. Mir gefällt es ganz gut, von Behinderungserfahrungen zu sprechen anstatt von Behinderung. Ich möchte natürlich niemanden vorschreiben wie er zu reden hat, aber ich gebe in diesem Punkt gern Denkanstöße. Denn wenn ich im Rollstuhl sitze und nicht an einen Bankautomaten komme, dann bin ich ja nicht behindert, sondern ich werde behindert. Und genau an diesem Punkt Aufklärungsarbeit zu betreiben, finde ich sehr wichtig. Auch Menschen mit Behinderungserfahrungen mehr Raum für ihre Fragen und Themen zu geben, ist mir ein großes Anliegen, dem ich in der kommenden Zeit mehr Beachtung schenken möchte.

Aus welchen Fehlern in Ihrer bisherigen Laufbahn haben Sie für sich den größten Gewinn gezogen?

Meine berufliche Laufbahn startete als Sozialarbeiter und nicht als Führungskraft. Als Pädagoge habe ich ziemlich schnell gemerkt, dass ich Menschen ihre Probleme nicht abnehmen kann. Ich kann sie befähigen, ermutigen, ihnen zur Seite stehen, aber ich kann das Lösen von Problemen nicht für sie übernehmen. Im Anerkennungsjahr als Sozialarbeiter bin ich da mal richtig vor die Wand gelaufen, weil ich für einen Jungen mit starker Drogenabhängigkeit die Probleme lösen wollte. Ich war kurz davor, den Besen selbst in die Hand zu nehmen und seine Arbeitsstunden zu machen, damit er nicht wieder ins Gefängnis muss. Ich dachte, wenn er nicht ins Gefängnis muss, dann wird das schon wieder. Ich musste jedoch schmerzlich lernen, dass dem nicht so ist. Und dieses Wissen, dass du niemand seine Probleme abnehmen kannst, habe ich auch als Führungskraft immer im Hinterkopf.

Was sind die Motive, die Sie für Ihre neuen Herausforderungen im CJD in Thüringen antreiben?

Ich habe ein Kernmotiv – ich möchte, dass wir zu den attraktivsten Arbeitgebern in diesem Land gehören. Ich weiß, dass das ein hochgestecktes Ziel ist, aber das ist mein Motiv, was ich vorantreiben möchte und woran ich gemessen werden will.

Herr Schüler, beenden Sie bitte folgenden Satz: In den kommenden Monaten werde ich…

…zuhören, zusammenführen, ermutigen, Klarheit und Transparenz schaffen und Entscheidungen treffen.

Privat gefragt - Würden Sie im CJD arbeiten, wenn Sie im Lotto gewonnen hätten?

Ich habe meine Arbeit aus Berufung ausgewählt und kann deshalb die Frage ganz klar mit „ja“ beantworten.